Diskurs über die Realität

Feodor am Mo., 16.01.2017 - 13:26

Ich schrieb, dass es ist derzeit vernünftig sei, davon auszugehen,

  1. dass uns unsere Sinne überlebensrelevante Informationen über die reale Außenwelt geben (was keine 1:1-Umsetzung erfordert),
  2. dass das reale Verhalten der Dinge darüber entscheidet, ob sich eine Theorie in Laborversuchen bewähren kann oder auch nicht,
  3. dass der Ausschnitt der Realität, den ich als Baum vor meinem Haus erfasse, subjektunabhängig existiert,
  4. dass ähnliches Navigationsverhalten sowohl verschiedenster Lebewesen als auch unbelebter Roboter bislang dadurch am besten erklärt wird, dass die reale Welt eine Raumstruktur besitzt, und dass diese Konvergenz jedoch eher schlecht durch ein Raumkonzept als lediglich subjektive Anschauungsform erklärt wird,
  5. dass Aussagen der Kosmologie auf das reale Universum referieren und nicht nur auf menschliche Empfindungen (Sinneserscheinungen),
  6. dass wir nur von den Dingen in der Realität (indirekt) Kenntnis haben können, die eine Wirkung haben, d.h. die über eine Kausalitätskette mit unseren Sinnessystemen wechselwirken.

Allen Thesen wurde natürlich widersprochen. Die Einwände im Einzelnen:

"1. dass uns unsere Sinne überlebensrelevante Informationen über die reale Außenwelt geben (was keine 1:1-Umsetzung erfordert),"

Das in Klammern macht klar, daß es durchaus infrage steht, was hier eigentlich genau gemeint ist. Mit Kant würde ich sagen (um's mal ein bißchen klarer zu machen): Die Wirklichkeit -- resultierend aus Wahrnehmung, Erfahrung und Vernunftleistung -- ist in jenen Bereichen, wo sie maßgeblich von der Sinnlichkeit mitstrukturiert wird, von einer Art, die in der Realität die Aufrechterhaltung der Überlebensfunktionen von Lebewesen (i.S. von Funktionseinheiten) wie Menschen oder Tieren i.d.R. nicht beeinträchtigt.

Der Kritiker würde seine Antwort sicher in diesem Stil formulieren (siehe die Diskussion über den Raum): "Du lallst hier dauernd über die Wirklichkeit. Wie kommst du denn auf den äußerst abseitigen Gedanken, dass die Sinnlichkeit das Überleben nur *meistens nicht beeinträchtigt?"*

Das ist aber nicht mein Stil, obwohl das Prädikat "abseitig" im Sinne von "ausgefallen" oder "dem Üblichen bzw. Normalen nicht entsprechend" (Duden) hier sogar faktisch durchaus angemessen wäre, denn diese Ansicht wird tatsächlich selten vertreten.

Standard ist: Sinnesleistungen ermöglichen das Überleben, statt es nur meist nicht zu beeinträchtigen. Warum sollten sich in der Evolution komplexe energieaufwändige Sinnesorgane, wie z.B. Augen, herausbilden, wenn diese keinen Nutzen haben? Bei Tieren mit Sehsinn, die in Umgebungen ohne Licht einwandern, verkümmert der Sehsinn tatsächlich wieder1.

Ein Gedankenexperiment veranschaulicht die Überlebensnotwendigkeit von Sinnesorganen: Man klebe einem Falken oder einem Geparden die Augen zu und entlasse das Tier in die Freiheit. Was passiert dann? Wird das Tier überleben? Wohl kaum, es wird wegen fehlendem Jagderfolg verhungern. So einfach ließe sich die These von der Überlebensrelevanz experimentell erhärten, was jedoch aus ethischen Gründen unterbleibt. Theoretisch mögliche Beeinträchtigungen der biologischen Fitness durch Sinnesorgane spielen gegenüber ihrem Nutzen praktisch keine Rolle.

Bleibt noch zu fragen, ob sich der Autor vielleicht nur verschrieben hat. Die äußerst - um es zurückhaltend auszudrücken - "harsche" Kritik, die der Autor sonst äußert, scheint jedoch nur dann angemessen, wenn er selbst fast immer makellose Gedankengänge präsentiert. Man muss also davon ausgehen, dass er seine Texte sorgfältig entwirft. Des weiteren sieht es doch so aus, also ob der Autor meine These kritisieren ("daß es durchaus infrage steht") und ihr nicht etwa zustimmen wollte. Schließlich verstärkt der Autor seine Aussage noch, indem er vor "nicht beeinträchtigt" noch "i.d.R." (in der Regel) platziert, was bedeutet, dass es ihm wichtig war, festzuhalten, dass die Sinnlichkeit das Überleben sogar manchmal beeinträchtigt.

"2. dass das reale Verhalten der Dinge darüber entscheidet, ob sich eine Theorie in Laborversuchen bewähren kann oder auch nicht,"

Nicht d'accord.

Diese Meinung nahm ich ohne Überraschung zur Kenntnis.

Es kann niemals grundsätzlich ausgeschlossen werden, daß Experimentalergebnisse eine Theorie zu bestätigen scheinen, obwohl die Bestätigung nur zufällig richtig ausfällt, derweil die Theorie falsch ist.

Der Autor zeigt hier (wie üblich) Ignoranz gegenüber meinen Formulierungen. Der Unterschied zwischen "bewähren" und "final beweisen", sollte ihm eigentlich geläufig sein. Außerdem schrieb ich "es ist vernünftig, davon auszugehen" und nicht "es ist letztbegründet."

Des weiteren ist das Problem der Messwertstreuung wohl bekannt2. "Bewähren" bedeutet, dass es wiederholt funktioniert. Über technische Anwendungen bewähren sich nicht wenige theoretische Vorhersagen jeden Tag viele Millionen mal. Es ist daher vernünftig, das nicht nur für bloßen Zufall zu halten.

Wer einfach behauptet, dass das reale Verhalten der Dinge nicht darüber entscheidet, ob sich eine Theorie in Laborversuchen bewähren kann, wird üblicherweise nicht ernst genommen.

Damit sei nicht gesagt, daß Theorien grundsätzlich falsch sein müssen und auch nicht, daß es ausgemacht ist, ob damit reale Verhältnisse richtig wiedergegeben werden, genauso, wie nicht ausgeschlossen werden kann, daß das auch immer wieder mal zutrifft. Der Punkt ist, daß man es nicht wissen kann! Du hast ja auf meine Anfrage, wie man das je wissen können könnte, bisher noch keine Antwort erteilt ...

Es gibt generell einen Mangel an Letztbegründungen. Es bleibt bei einem Leistungsvergleich der Theorien.

"3. dass der Ausschnitt der Realität, den ich als Baum vor meinem Haus erfasse, subjektunabhängig existiert,"

Ein Baum existiert gewiß nicht unabhängig von dem Wahrnehmungsapparat

Ich schrieb, dass der korrespondierende "Ausschnitt der Realität" existiert. Wenn der nicht existiert, sind wir beim Idealismus.

-- und ergo der (Lebens-)Wirklichkeit --

Wirklichkeit bedeutet hier wohl nur: Was ich empfinde, ist wirklich. Bei dem Autor ist offenbar ein Wahrnehmungsbericht kein Bericht über die reale Außenwelt, sondern ein Bericht über subjektiv geformte Empfindungen, d.h. die eigene Innenwelt. Das müsste zumindest dann gelten, wenn er Kant verteidigen will. Der Autor hatte einen Artikel von Willaschek3 zitiert, der dies mit der Wendung *"subjektiver Konstitutionsvorgang" [Hervorhebung von mir] bezeichnet.

eines bw-fähigen Lebewesens! Was immer da existiert im Realen, das den Baum mitkonstituiert, es ist sicher kein Baum! In der Realität wuseln Teilchen und Wellen oder was auch immer herum bzw. vielleicht wabern da auch Felder ... aber gewiß keine Bäume! Bäume können gar nicht wuseln oder wabern! ;-)

Hier haben wir anscheinend wieder das Alles-oder-Nichts-Prinzip: Nur unendlich genau aufgelöste Wahrnehmung - bis in den Bereich des quantenmechanischen "Waberns" hinein - könne Informationen über die Realität liefen. Ich halte dieses Alles-oder-Nichts-Prinzip der Wahrnehmung für unangemessen und sehe daher keinen Grund vom wissenschaftlichen Mainstream abzuweichen.

"4. dass ähnliches Navigationsverhalten sowohl verschiedenster Lebewesen als auch unbelebter Roboter bislang dadurch am besten erklärt wird, dass die reale Welt eine Raumstruktur besitzt, und dass diese Konvergenz jedoch eher schlecht durch ein Raumkonzept als lediglich subjektive Anschauungsform erklärt wird,"

S.o.

Dies ist ausführlich im Artikel über den Raum abgehandelt.

"5. dass Aussagen der Kosmologie auf das reale Universum referieren und nicht nur auf menschliche Empfindungen,"

Wer behauptet denn Letzteres? Visionen? M.W. sind viele kosmologische Aussagen mathematisch strukturiert. Seit wann sind aber nun "Empfindungen etwas Mathematisches"?

"Menschliche Empfindungen" ist wohl zu kurz formuliert.

Kosmologie wird heute - vielleicht zum Verdruss von einigen Kantianern - als empirische Wissenschaft angesehen. Wer's nicht glaubt, höre mal bei Harald Lesch rein.

Kantisch sind Empfindungen das einzige das (auf völlig unbekannte Weise) tatsächlich "von außen reinkommen" kann. Über die reale Außenwelt selbst ist schließlich nach Kant überhaupt nichts bekannt. Sich auf etwas prinzipiell Unbekanntes zu beziehen, ist nicht möglich. Damit bleiben als "wirkliche" Bezugsgegenstände einer empirischen Wissenschaft nur die durch den Verstand bearbeiteten Empfindungen (vorgestellte Objekte) übrig.

In den "Antinomien des Weltanfangs" wollte Kant sogar zeigen, dass rationale Kosmologie unmöglich ist. Das ist heute obsolet.4

Kosmologen legen Wert darauf, dass sie nicht nur reine Mathematik treiben, sondern dass sich ihre Theorien auf das reale Universum beziehen (referieren) und dass das Universum nicht nur ihr Hirngespinst ist.

"6. dass wir nur von den Dingen in der Realität (indirekt) Kenntnis haben können, die eine Wirkung haben, d.h. die über eine Kausalitätskette mit unseren Sinnessystemen wechselwirken."

Letzteres sicher nicht immer: Manche Dinge, die wir nicht sinnlich wahrnehmen oder die uns auch nicht -- jedenfalls nicht merklich -- zu affizieren scheinen, können uns gleichwohl zur Kenntnis kommen, z.B. (wiederum) über Mathematik und/oder theor. Physik. D.h. wir können auch rein denkend Dinge als existierend unterstellen.

Gedachte Dinge (Noumena) sind verschieden von den wechselwirkungsfähigen Dingen in der Realität. Ein platonischer Ideenrealismus erscheint mir unplausibel. Mit "Kenntnis haben" im obigen Sinn ist gemeint, dass (zumindest indirekte) empirische Belege verfügbar sind. Ohne empirische Belege kann es sich nur um Existenz-Postulate handeln. (Fallible) Kenntnis über die Realität erwächst erst, wenn Empirie hinzukommt.

Manchmal gelingt ja sogar nach der theoretischen Voraussage so eines "Dinges" irgendwann der empirische Nachweis, auch wenn das dann nicht zwingend ein "sinnliches Erlebnis" werden muß, sondern nur eine Bestätigung durch eine hochkomplexe Apparatur erfolgt, die etwas zu detektieren vermag, das wir mit unserem sinnlichen Apparat niemals wahrnehmen würden.

Ich kann nicht sehen, dass dies meiner Aussage widerspricht. Wenn nämlich nichts wechselwirkt, kann auch eine Apparatur nichts detektieren. Kurz: Ohne Wechselwirkung keine Detektion. Die von mir genannte indirekte Kenntnisnahme deckt die Vermittlung durch Apparate ab.

Aus den Einwänden ergeben sich nun folgende interessante Thesen:

  • Die Sinne liefern keine überlebensrelevanten Informationen über die reale Außenwelt, sondern stellen lediglich in der Regel keine Beeinträchtigung für die Lebewesen dar.
  • Das reale Verhalten der Dinge entscheidet nicht darüber, ob sich eine Theorie in Laborversuchen bewähren kann.
  • Wenn ich den Baum vor meinem Haus ansehe, erfahre ich nichts über die reale Außenwelt, da mir die Quantenfluktuationen entgehen.
  • Roboter können sich nicht autonom im Raum bewegen.

Was soll man nun dazu sagen?


  1. "Teure Fester zur Welt" auf wissenschaft.de ↩︎

  2. "Konfidenzintervall" auf Wikipedia ↩︎

  3. Marcus Willaschek, "Die Wiedererlangung der Welt als Gegenstand der Erfahrung", S.172, PDF ↩︎

  4. Peter Mittelstaedt, Ingeborg Strohmeyer: "Die kosmologischen Antinomien in der Kritik der reinen Vernunft und die moderne physikalische Kosmologie", Kant-Studien - Philosophische Zeitschrift der Kant-Gesellschaft 81(2), 145-169, 1990. ↩︎