Kantianismus -Fazit

Feodor am Mi., 11.01.2017 - 13:16

Die Thesen über die Wirklichkeit seien kurz zusammengefasst:

a) Die Wirklichkeit ist die Gesamtheit aller Ereignisse in der Welt.

b) Die Wirklichkeit ist beschreibbar und verbürgt durch die Wissenschaft.

c) Wirklichkeitsbeschreibende Sachverhalte sind nicht subjektgeneriert.

d) Die Weltgegenstände in der Wirklichkeit hängen von der Auffassungsweise der Menschen ab.

e) Wirkliche Weltgegenstände sind Weltkonzepte.

f) Wirklichkeit ist symbolisch organisiert.

g) Apparaturen greifen nur auf bereits symbolisch vermittelte Weltgegenstände zu.

h) Die Wirklichkeit ist das wissenschaftlich erklärte.

i) Nur in der Wirklichkeit gibt es Gegenstände im Sinne von empirischer Existenz.

j) Bewusste Sinneserscheinungen formen die Wirklichkeit.

k) Sinneserscheinungen sind das Ergebnis einer Affektion durch die Realität.

l) Über diesen Affektionsmechanismus ist nichts bekannt.

m) Wirklichkeit und Realität sind ohne gemeinsame Schnittmenge.

Für mich ergibt sich aus dem vorliegenden kein klares Bild:

  • Einige der Feststellungen (d,e,f,h,j) ergeben dann unproblematisch Sinn, wenn Welt und Wirklichkeit durch Weltbild, Vorstellungswelt, Wahrnehmungswelt o.ä. ersetzt wird.
  • Bei anderen Äußerungen (a,i) scheint das nicht möglich. Dort wird dem Begriff Wirklichkeit eine realistische Aura angeheftet.
  • g ist unverständlich. Wie sollen Apparate ohne Bewusstsein auf symbolisch vermittelte Weltgegenstände zugreifen können, welche Dingen entsprechen, wie sie Menschen auffassen?
  • b ließe sich sowohl auf die Welt als auch auf das Weltbild beziehen.
  • c wirkt widersprüchlich, denn es postuliert eine Beschreibung, ohne dass Subjekte diese Beschreibung generiert haben sollen.
  • k+l postuliert eine "intransparente" Verbindung zwischen Wirklichkeit und Realität.
  • m trennt Wirklichkeit und Realität.

Wie ließe sich das nun interpretieren? Kippen Intension und Extension des Begriffs Wirklichkeit von Aussage zu Aussage hin und her? Oder werden dem Begriff Wirklichkeit permanent multiple Charakteristika zugeordnet? Oder soll dies gar im Sinne eines Platonismus verstanden werden? Keine dieser Möglichkeiten überzeugt. Worauf sich Wissen über die Wirklichkeit bezieht, bleibt so weitgehend im Dunklen.

Und nun die Thesen über Realität:

n) Die Realität ist absolut unerkennbar.

o) In der Realität wabert Materie und es wuseln Affektionen.

p) Wissen über die Realität ist unmöglich, da es in der Realität keine Symbole gibt und daher keine Zusammenhänge gefunden werden können.

q) Wissen über die Realität ist unmöglich, da hierfür der Gottesstandpunkt erforderlich wäre.

r) Jede Information über die Realität würde Lebewesen mental überfordern.

s) Der Zugriff auf die Realität erfolgt über einen (opaken?) Affektionsmechanismus.

  • Durch n und o entsteht der Anschein eines Widerspruchs, wenn man Materie z.B. mit Elementarteilchen, Wellen o.ä. identifiziert.
  • p+q schließen nur sicheres Wissen, jedoch nicht bewährtes hypothetisches Wissen aus.
  • r berücksichtigt nicht, dass gefilterte Information immer noch Information ist, auch wenn Details fehlen.
  • n+s begründen sich zirkulär.

Das mindeste, was man sagen kann, ist, dass das Konzept des modernen Kantianismus noch nicht ausgearbeitet ist. Es gibt auch noch keine Aussagen darüber, wie das Raumkonzept aussieht. Präsentiert wird eine Ansammlung von Postulaten nebst einer ansatzweisen Plausibilisierung.

Auch wenn gelegentlich Vokabeln wie "niemals" verwendet werden, ist dieser modernisierte Kantianismus (wie dies auch bei seinen Konkurrenten der Fall íst) nicht letztbegründet. Die Erläuterung des Begriffs Wirklichkeit erscheint unzureichend, so dass er unverständlich bleibt. Es ist auch nicht klar, warum dieses Konzept anderen Konzepten überlegen sein sollte.