Kantianismus - Analyse 2

Feodor am Mi., 11.01.2017 - 13:15

Nun folgt die Analyse der Aussagen zur Realität. Die nummerierten Sätze entsprechen Thesen, die aus dem Originaltext extrahiert wurden. Meine Einzelkommentare sind durch ==> markiert.

Realität und Natur

200: Wir haben keine Ahnung, was "real vorgeht".

201: Die Realität flüstert uns gar nichts.

==> 200-201 entsprechen dem kantischen absoluten Unerkennbarkeitspostulat hinsichtlich des Realen.

202: Die Realität ist einfach wie sie ist.

210: Das meiste, was Realität ausmachen könnte, "kommt uns überhaupt nicht vor die Linse".

==> 210 scheint das Unerkennbarkeitspostulat irgendwie wieder einzuschränken, denn die Aussage impliziert, dass einiges "was Realität ausmachen könnte", uns doch "vor die Linse" kommen könnte. Vielleicht ist das "Vor-die-Linse-Kommen" auch nur eine Metapher für eine transzendente, d.h. unerklärliche Affektion des Subjekts?

212: Es gibt keinen unmittelbaren Zugriff aufs Reale.

==> Dem ist zuzustimmen, der Zugriff aufs Reale erfolgt indirekt, was allerdings nicht die absolute Unerkennbarkeit impliziert.

203: "In der Natur" ist alles Affektion. (Erläuterung: Physikalische Entitäten stehen im energetischen Austausch miteinander. Dies ist sich freilich selbst genug.)

==> 203 erläutert dem modernen Kausalitätsbegriff, den auch ich für brauchbar halte. Es wird allerdings die Vokabel Kants verwendet, die Kant meist im Zusammenhang mit der nicht weiter erklärbaren Affektion des Subjekts durch das Ding an sich gebrauchte. Es ist zunächst auch nicht ganz klar, ob die Natur nun zur Realität gehören soll oder zur Wirklichkeit. Die Wendung "Dies ist sich freilich selbst genug" lässt mich wegen 202 annehmen, dass die Realität gemeint ist. Wenn dem so ist, entsteht allerdings gleich die Frage, woher wir wissen können, dass physikalische Entitäten im energetischen Austausch stehen, da 200 und 201 dieses Wissen auszuschließen scheinen. Hier entsteht Verwirrung. Des weiteren legen uns die Ergebnisse der Mikrophysik nahe, dass es in der Natur auch ursachenlose Ereignisse geben könnte, die nach stochastischen Gesetzen ablaufen, wie z.B. Atomkernzerfälle. So ist es durchaus nicht ausgeschlossen, dass nicht alles "Affektion" ist.

204: In der Realität ist ein unendlich komplexes Gewusel in Form von Affektionen der Fall.

206: Realität ist nichts weiter als ein hyperkomplexes Wabern der Materie.

208: Realität lässt sich metaphorisch vorstellen als hochkomplexes ineinander verschränktes Gewusel von Elementarteilchen, Wellen oder was auch immer.

207: In einem modernisierten Kantianismus entspricht dieses materielle Wabern dem kantischen Ding an sich.

==> In 204, 206, 207 und 208 wird die Realität mit dem Gewusel und Wabern von Affektionen, Materie, Elementarteilchen, Wellen identifiziert. Der angenommene ontologische Status der erwähnten Entitäten ist ansonsten nicht näher charakterisiert. Im Zusammenhang mit dem Unerkennbarkeitspostulat 200-201 ist ungeklärt, wieso überhaupt von Materie, Elementarteilchen und Wellen gesprochen werden kann, wenn es um die Realität geht. Soll es sich hierbei vielleicht um Gedankendinge (Noumena) handeln, welche mit dem Begriff Realität verbunden werden? Andererseits: Wieso ist sich dies "freilich selbst genug" (203), wenn es sich um Gedanken von Subjekten handeln müsste?

==> 207 setzt nun das "materielle Wabern" im Rahmen einer kantianischen Modernisierung an die Stelle des kantischen Dings an sich. Das "materielle Wabern" kann nun kein kantisches Noumenon im negativen Verstande mehr sein, denn der Realität wird bescheinigt, dass sie materiell ist und wabert. Das sind begriffliche Festlegungen, die Kant wegen des Unerkennbarkeitspostulats vermied. Wenn man von der üblichen Bedeutung der Vokabel "wabern"1 ausgeht, bezieht die Aussage auch räumliche Verhältnisse mit ein. Kant hatte Raum als subjektive Anschauungsform definiert. Im Kontext von 207 muss die Realität im modernisierten Denksystem nun offenbar eine Raumstruktur haben, da sich ansonsten nichts unruhig hin und her bewegen könnte. Hierdurch stellt sich wieder die Frage, wie das mit dem Unerkennbarkeitspostulat 200-201 zusammengeht.

205: Eine vernunftgeleitete Analyse dieses Realitätsgewusels ist unmöglich, da kein Standpunkt verfügbar ist, von dem aus dieses Gewusel überblickt werden kann.

==> 205 verweist auf den Putnam'schen Einwand des "Gottesstandpunktes". Dieser Einwand schließt aber nicht zwingend realistische Interpretationen von Wahrnehmungen aus, wenn man die Frage nach (sicherer) Entscheidbarkeit und (möglicher) Wahrheit auseinander hält. Der Einwand des "Gottesstandpunktes" wurde mehrfach kritisiert2 und auch Putnam hat ihn später aufgegeben.

209: Hätten Menschen Zugriff auf die Realität, gäbe es keinen Sinn, da wegen der fehlenden Symbolik keine Differenzierung stattfände.

==> In Verbindung mit 119 soll dies wohl das Unerkennbarkeitspostulat näher erläutern, indem behauptet wird, dass die menschliche Fähigkeit, Sinnzusammenhänge zu erfassen, unvereinbar ist mit einer überlebensadäquaten Wahrnehmung der als real verstandenen Außenwelt. Es lässt sich aber nicht beweisen, dass bestimmte Ausschnitte der Realität nicht doch mit Sternen, Planeten, Bäumen, Häusern, Autos etc. korrespondieren.

211: Die mentalen Funktionen des Menschen müssten kollabieren, wenn alles verarbeitet werden müsste, was im Falle eines Realitätszugriffes "von außen" an signalträchtigen Affektionen auf uns einströmte.

==> Eine unendlich feine Auflösung ist sicher nicht erreichbar. Atome haben einen um mehr als drei Zehnerpotenzen kleineren Durchmesser als die Wellenlänge von blauem Licht, so dass einzelne Atome nicht direkt sichtbar sein können. Dies ist zum Überleben aber auch nicht nötig. Hier ist vor allem zu berücksichtigen, dass die Überlagerung einer ungeheuer großen Zahl deterministisch chaotischer (brownsche Molekülbewegung) oder evtl. echt chaotischer (Quanten-) Ereignisse zu einem quasi-deterministischen Verhalten größerer Systeme führt. Daher brauchen Lebewesen die Details des materiellen "Wuseln" nicht auflösen zu können, da für sie nur das summarische Ergebnis dieses Wuselns lebenspraktisch relevant ist. Eine geringere Auflösung bedeutet, dass Details aus dem "signalträchtigen Affektionsstrom" herausgemittelt werden, so dass die mentale Verarbeitung möglich bleibt.

==> Ist nun ein verringerter Detaillierungsgrad notwendig gleichbedeutend damit, dass wir keine Ahnung haben können, was "real vorgeht" (200)? Ein Alles-oder-nichts-Konzept adäquater Außenweltwahrnehmung erscheint jedoch untauglich. Auch geringer aufgelöste Information über die Außenwelt bleibt noch Infomation über die Außenwelt.

==> Dass z.B. beim Sehvorgang quantenmechanische Effekte wirksam sind, hat übrigens keine Implikationen hinsichtlich der Auflösung. Eine feinere Auflösung ist jedoch bekanntermaßen durch apparative Unterstützung erreichbar. So lassen sich z.B. Atome sichtbar3 machen. Das menschliche Auge scheint tatsächlich unter bestimmten Bedingungen sogar einzelne Photonen wahrnehmen4 zu können.


  1. "wabern" auf duden.de: "sich in einer mehr oder weniger unruhigen, flackernden, ziellosen Bewegung befinden" ↩︎

  2. Siehe Hans Jürgen Wendel: "Die Grenzen des Naturalismus", Mohr, 1997, S.108f, und Howard Sankey: "Scientific Realism and the Rationality of Science", Ashgate, 2008, S.31ff, The God’s Eye Point of View ↩︎

  3. "Kann man Atome sichtbar machen?", Max-Plank-Instutut für Dynamik und Selbstorganisation ↩︎

  4. "Das menschliche Auge kann ein einzelnes Photon sehen" auf forschung-und-wissen.de ↩︎