Kantianismus - Analyse 1

Feodor am Mi., 11.01.2017 - 13:14

Nun kommentiere ich die vorliegenden Ausführungen zum modernisierten Kantianismus. Die nummerierten Sätze entsprechen Thesen die aus dem Originaltext extrahiert wurden. Meine Einzelkommentare sind durch ==> markiert. Ich beginne mit den Aussagen zur Wirklichkeit.

Wirklichkeit, Welt und Wissenschaft

100: Wirklichkeit ist verschieden von Realität.

101: Wirklichkeit lässt sich durch Sachverhalte beschreiben.

==> Hier muss der Leser ein Annahme machen, wie der Begriff Sachverhalt zu verstehen ist. Man könnte z.B. Gerold Wünsch: "Einführung in die Philosophie der Chemie", folgen: Ein Sachverhalt ist in der Wissenschaftstheorie lediglich der Gegenstand einer Aussage; ein Sachverhalt ist solange fiktiv, bis er einer Überprüfung unterzogen und verifiziert wurde; erst dann wandelt er sich zur Tatsache. Eine andere Möglichkeit wäre es, wie in der Umgangssprache Sachverhalte mit Tatsachen gleichzusetzen.

102: Wirklichkeitsbeschreibende Sachverhalte sind durch wissenschaftliche Konzepte, Modelle, Vorstellungen und Theorien (kurz: durch die Wissenschaft) gegeben.

103: Objekte physikalischer Theorien sind Weltgegenstände bzw. Weltkonzepte.

==> Zusammen mit 102 verbindet dies Welt mit Wirklichkeit. Die Geschichte der physikalischen Forschung zeigt allerdings, dass Objekte physikalischer Theorien kommen und gehen. So war z.B. der Äther einst das Objekt einer physikalischen Theorie, heute aber nicht mehr. Wenn derartige Objekte Weltgegenstände sind und Weltgegenstände Elemente der Welt sind, so ist die Welt etwas dynamisches. Das wirkt nicht besonders intuitiv. Ersetzte man den Begriff "Welt" jedoch durch den Begriff "Weltbild", so entstünde aus 103 eine plausible Aussage.

104: Wissenschaftliche Sachverhalte werden niemals durch Subjekte generiert.

105: Wissenschaft kommt durch zweckgerichtetes Handeln im Rahmen diskursiver Prozesse zustande.

==> Hier stellt sich die dringende Frage, ob die wirklichkeitsbeschreibenden Sachverhalte der Wissenschaft (102) mit den wissenschaftlichen Sachverhalten (104) identisch sind. Wenn ja, dann sind wissenschaftliche Konzepte, Modelle, Vorstellungen und Theorien "niemals durch Subjekte generiert." Kurz: Wissenschaftliche Ergebnisse sind nicht subjektgeneriert. Das ist äußerst unplausibel. Wer entwickelt denn wissenschaftliche Konzepte, Modelle, Vorstellungen und Theorien, die sich empirisch als mehr oder weniger adäquat erweisen? 105 definiert "zweckgerichtetes Handeln im Rahmen diskursiver Prozesse" offenbar als nicht von den Subjekten ausgehend, obwohl es doch die Subjekte sind, die zweckgerichtet handeln und den Diskurs führen.

==> Wenn Wissenschaft nicht subjektgeneriert ist, müssen dann ihre Ergebnisse immer absolute objektive "Geltung haben"? Das kann nicht sein, denn die newtonsche Theorie gilt nur näherungsweise in bestimmten Situationen und die allgemeine Relativitätstheorie (ART) ist (wegen der unberücksichtigten Quanteneffekte) bekanntermaßen unvollständig.

==> 105 erinnert an die Konsenstheorie der Wahrheit, die allerdings nicht ohne eine gewisse Idealisierungskomponente auskommt (Wolfgang Stegmüller: "rationale Akzeptierbarkeit unter idealen Bedingungen"). Es ist wenig plausibel, dass bisher "ideale Bedingungen" vorlagen.

106: Wirklichkeit inkludiert sowohl subjektive Eindrücke als auch wissenschaftliche Sachverhalte.

107: Wirklichkeit ist das, was unter Heranziehen unserer Modelle erklärbar ist.

==> Demnach fallen alle Beobachtungen, die noch nicht erklärbar sind, aus der Wirklichkeit. Das ist seltsam.

108: Wirklichkeit wird durch wissenschaftliche Modelle verbürgt.

==> Der Begriff Wirklichkeit fällt in 107 und 108 mit dem gebräuchlicheren Begriff des wissenschaftlichen Weltbildes zusammen.

109: Ein Phänomen (d.h. die subjektive Wahrnehmung, der "Wie-es-ist-Zustand" Nagels) ist das Ergebnis einer Affektion durch die Realität.

110: Die Wissenschaft legt nahe, dass affizierte Phänomene bei Menschen und Tieren verschieden sind, da die Affektionen je verschieden verarbeitet werden.

111: Die Unterschiedlichkeit der von Menschen und Tieren erfahrenen Phänomene zeigt, dass auf die Realität nicht direkt zugegriffen werden kann.

==> Die Wissenschaft zeigt jedoch bemerkenswerte Konvergenzen. So können Menschen, Tiere und sogar Roboter Hindernissen ausweichen. Alle Tiere und auch Menschen finden ihre Nahrung im Raum. Die unterschiedliche Wahrnehmung von Lichtfarben bei verschiedenen Tieren und Menschen ist gut erklärbar. Lichtfarben, die Menschen detektieren, lassen sich auch durch Maschinen detektieren. So scheint es z.B. nicht widerlegt zu sein, dass die reale Außenwelt eine Raumstruktur hat oder dass es reale Lichtquellen gibt. Die Indirektheit des "Zugriffs" auf die Außenwelt impliziert nicht, dass die reale Außenwelt völlig unbekannt bleiben muss. Letzteres ist nur ein Postulat.

112: Menschen greifen nur auf das Beobachtete zu und nicht auf die Realität.

==> Hierdurch ist jedoch nicht letztbegründet, dass dem Beobachteten nicht doch etwas Reales korrespondiert.

113: Empirik erfordert sinnliche Affektion [durch die Realität].

==> Sicher. Die erforderliche Kausalität stellt aber keinen zwingenden Hinderungsgrund für eine vorsichtig realistische Interpretationen des Beobachteten dar.

114: Der Affektion kommt eine zentrale Rolle im Erkenntnisspiel zu.

115: Die Affektion ist das Bindeglied zwischen Realität und dem rezipierenden Subjekt.

==> Dieses Affektionskonzept verbindet offenbar eine wegen 200-201 transzendente, d.h. unerkennbare Realität mit dem Subjekt. Der Affektionsmechanismus selbst, der etwas Transzendentes mit dem Subjekt verbindet, muss damit auch transzendet sein. Das aus der Wissenschaft bekannte Konzept der Kausalität durch Energieübertragung wirkt demgegenüber einleuchtender und erlaubt sogar quantitative Vorhersagen. Im Zusammenhang mit Aussage 203 entsteht einige Verwirrung hinsichtlich dieses Affektionsbegriffs (siehe Kommentar dort).

116: Aufgrund der vermittelnden Rolle der Affektion können die Sinneserscheinungen nicht so sein, wie die Realität an sich ist.

==> Das unterstellt offenbar ein nicht notwendiges Alles-oder-Nichts-Konzept. Zwischen absoluter Unerkennbarkeit und absolut adäquater Erkenntnis gibt es viel Spielraum. Es erscheint unplausibel, dass Sinneserscheinungen überhaupt nicht über die Realität informieren (im Sinne einer isomorph mehr oder weniger adäquaten Projektion). Des weiteren ist auch gut bekannt, dass einige "wirklichkeitsverbürgende wissenschaftliche Modelle" nur (offenbar dennoch brauchbare) Näherungen liefern, wie z.B. die Newtonsche Theorie oder die ART. Das bedeutet, dass die Wissenschaft auch die Wirklichkeit nicht absolut "verbürgen" kann. Kurz: Aus der Indirektheit der Wahrnehmung folgt nicht, dass die Wahrnehmung absolut blind gegenüber der Realität sein muss. Letzteres ist nur ein Postulat.

117: Das Problem der Affektion als Transformationsprozess entsteht erst, wenn Menschen zu theoretisieren beginnen.

==> Das Problem der Affektion ist auch bei Tieren relevant. Über den Transformationsprozess wird sonst nicht weiter ausgesagt.

118: Begriffe und Theorien erfassen immer nur Partikel des unendlich großen Ganzen.

==> Hier ist unklar, was "das Ganze" im Zusammenhang mit dem Prädikat "unendlich groß" sein soll. Kosmologen behaupten, dass das Weltall endlich sei. Ich bin aber ebenfalls der Meinung, dass die verfügbaren wissenschaftlichen Theorien unvollständig sind.

119: Begriffe und Theorien erfordern den Einsatz von Symbolen, um die notwendigen Differenzierungen darstellen zu können, ohne dass ersichtlich wäre, welchen realen, also empirischen, Hintergrund diese Differenzierungen haben könnten.

==> Hier muss irgend etwas durcheinander geraten sein. Dem "realen" Hintergrund ("background") wird das Prädikat "empirisch" zugewiesen. Das kann wegen des Unerkennbarkeitspostulats 200-201 nicht zutreffen. Der Hintergrund kann aber wegen der postulierten Erklärbarkeit der Wirklichkeit 107 auch nicht "wirklich" sein. Ich vermute, dass die Erwähnung des Empirischen im Zusammmenhang mit dem Realen einfach zu streichen ist, denn Reales wird schließlich als empirisch unzugänglich aufgefasst.

120: Erst die Symbolik eröffnet den notwendigen Differenzierungsspielraum für die Welt.

==> Wenn man "Welt" durch "Weltbild" ersetzt, ergibt das Sinn.

121: Spezifische Rezeptionsbedingungen bewusstseinsfähiger Lebewesen hinsichtlich bestimmter Umweltgegenstände bewirken [Sinnes]Erscheinungen.

==> Dies lässt sich ontologisch neutral auffassen. Es ist vernünftig anzunehmen, dass gewisse Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Sinneswahrnehmungen möglich sind. Die Diskussion geht freilich darum, welche Voraussetzungen dies sind.

122: Zusammen mit weiteren Konstituenten formen diese Erscheinungen die Wirklichkeit.

==> Sinneserscheinungen sind das, was bewusstseinsfähige Lebewesen wahrnehmen. Auf den Menschen angewendet lässt sich wohl sagen, dass Sinneserscheinungen das Weltbild wesentlich (mit)formen.

123: Dafür, dass "etwas erscheinen kann", ist Bewusstsein notwendig.

==> Dass Bewusstsein nötig ist, damit etwas im Bewusstsein erscheinen kann, ist offenkundig analytisch wahr.

124: Die Affektion von Erscheinungen in bewusstseinsfähigen Lebewesen entsteht zusammen mit diesen Lebewesen.

==> Hier bleibt offen, ob Lebewesen in der Wirklichkeit oder in der Realität entstehen. Wegen 100, 101 und 200 haben Wirklichkeit und Realität keine Schnittmenge. Die Postulate 101 und 200 sprechen für die Wirklichkeit, denn über die Realität ist nach Voraussetzung nichts bekannt, also auch nicht, ob Lebewesen entstanden sind. Die Entstehung von Lebewesen in der Realität müsste schließlich einem realen Vorgang entsprechen, von dem wir aber voraussetzungsgemäß "keine Ahnung" haben können. Die Wirklichkeit muss somit subjektunabhängig sein, damit "in ihr" Lebewesen entstehen können. 104+105 postulieren offenbar die nötige Subjektunabhängigkeit der Wirklichkeit. Diese Subjektunabhängigkeit lässt sich aber offenbar wiederum nicht sinnvoll erläutern (siehe dort).

125: Gegenstände im Sinne von empirischer Existenz gibt es nur in der Wirklichkeit, nicht jedoch in der Realität.

==> Das ist eine Variante des Unerkennbarkeitspostulats 200-201.

126: Menschen und bewusstseinsfähige Tiere konstituieren auf der Grundlage von [Sinnes]Erscheinungen Objekte bzw. Gegenstände, indem sie bestimmte Zusammenhänge aus dem komplexen Brei der Realität separieren.

==> Diese Gegenstände müssen die Weltgegenstände sein. Das muss eigentlich bedeuten, dass es die Welt ohne Bewusstsein nicht gibt, denn erst die bewusstseinsfähigen Lebewesen konstituieren die Weltgegenstände aktiv durch einen Separationsprozess. Ohne Weltgegenstände kann es aber keine Welt geben. Einen Ausweg sehe ich, wenn nicht von Welt sondern von Weltbild die Rede wäre, denn es erscheint unproblematisch, wenn bewusstseinsfähige Tiere auf der Grundlage von [Sinnes]Erscheinungen Objekte bzw. Gegenstände ihres Weltbildes konstituieren bzw. konstruieren.

127: Diese Zusammenhänge wirken auf diese Lebewesen, bilden ihre Umwelt, stellen damit Affektoren dar und gewinnen so für diese Lebewesen Bedeutung.

==> Wenn man Affektor als etwas versteht, das affiziert (also die Ursache der Affektion des Subjekts ist), so entstehen Widersprüche, denn die Realität kann nach Voraussetzung 200-201 keine "Bedeutung" haben. Damit kann ein Affektor nur so etwas wie eine Empfindung, Sinneserscheinung oder Vorstellung sein. Sicher kann man sagen, dass Lebewesen Zusammenhänge zwischen den Sinneserscheinungen detektieren. Dies müsste aber ein mentaler Vorgang sein. Die detektierten Zusammenhänge zwischen den Sinneserscheinungen können aber nur die Basis eines Modells der Umwelt sein. Befremdlich mutet nun an, dass das "Modell der Umwelt" der "Umwelt selbst" entsprechen soll.

128: Diese Bedeutung äußert sich sowohl bei bewusstseinsfähigen Tieren als auch bei Menschen in instinktivem Verhalten und bei Menschen darüber hinaus in Handlungen, also zielgerichteten Weltinterventionen.

==> Ohne Beeinflussung der realen materiellen Grundlage hängen die Weltinterventionen bildlich gesprochen in der Luft.

129: Das Verhalten bei Tieren und Menschen impliziert Freiheitsgrade und ist nicht physikalisch-biochemisch determiniert.

==> Demnach fällt das Verhalten von Tieren und Menschen wegen 107 und 108 wohl aus der Wirklichkeit heraus. Das ist sehr seltsam. Mit den Freiheitsgraden kann nämlich nicht Zufall gemeint sein, denn chaotisches Verhalten wird kaum mit Freiheit identifiziert. Es ist aber bislang nichts Drittes zwischen Zufall und Notwendigkeit bekannt, wie selbst Autoren wie Nagel und Brüntrup zugeben. Kant hatte wegen dieses Problems bekanntermaßen extra eine neue Art von Kausalität postuliert, die aber selbst von Libertariern wie Geert Keil abgelehnt1 wird.

130: Menschen erkennen die Welt als Sinnzusammenhang zwischen den konstituieren Gegenständen der Wahrnehmung.

131: Menschen analysieren nicht "Dinge an sich", sondern "Dinge, wie sie sie auffassen", letztere somit als Weltgegenstände, die sowohl durch Sinnlichkeit konstituiert als auch sprachlich-symbolisch geformt sein können.

==> Dies ist keine Letztbegründung dafür, dass die Verbindung zwischen den "Dingen an sich" und den "Dingen, wie sie Menschen auffassen" absolut opak ist. "Dinge, wie sie Menschen auffassen" müssen so etwas wie mentale Konstrukte, Ideen o.ä. sein. Es ist hoch unplausibel, dass es neben der realen Außenwelt noch eine weitere Welt "außer uns" und "für uns" gibt. Im Zusammenhang mit 104 ergibt sich eine starke Spannung: Wie kann es sein, dass wissenschaftliche Sachverhalte niemals durch Subjekte generiert werden, obwohl Menschen nur die Dinge analysieren, wie sie Menschen auffassen, was wiederum eine (mindestens kollektive) Subjektabhängigkeit dieser Analyse impliziert.

132: Wenn eine Apparatur etwas detektiert, analysiert und auswertet, wird niemals die Realität ausgewertet, sondern immer ein "Objekt der Wirklichkeit", das als Weltgegenstand aufgefasst werden muss. Dieser Weltgegenstand ist stets schon symbolisch vermittelt, sei es durch Wissenschaft oder durch den Alltagsverstand.

==> Es ist ungeklärt, wie messtechnische Sensoren bereits symbolisch vermittelte Weltgegenstände auswerten können sollten? Was ist an einem Photonengewusel, das auf das materielle Gewusel lichtempfindlicher Sensoren trifft, so dass das Elektonengewusel in einem materiellen Gewusel beeinflusst wird, was wiederum ein anderes materielles Gewusel beeinflusst, symbolisch? Es ist üblich, einer Apparatur kein Bewusstsein zuzuschreiben. Wie soll die Apparatur dann Zugriff haben zu den vom Menschen konstituierten theoretischen Objekten bzw. Weltkonzepten (103), den Weltgegenständen (131), die den Dingen entsprechen, wie sie Menschen auffassen, oder den nur Lebewesen zugänglichen (142) Erscheinungen?

133: Wissenschaftliche Unternehmungen können nicht direkt auf die Realität zugreifen, da wissenschaftliches Arbeiten ohne Verwenden von Sprache und Symbolen unmöglich ist.

==> Das schließt nicht aus, dass wissenschaftliche Unternehmungen indirekt auf die Realität zugreifen können. Es lässt sich auch nicht beweisen, dass die Indirektheit zwingend zur Transzendenz der Realität führt. Absolute Sicherheit in der Erkenntnis scheint es in der Wirklichkeit bis jetzt auch nicht zu geben, wie die Geschichte der Wissenschaft zeigt.

134: Etwas erkennen heißt für Menschen sagen zu können, wie oder was es ist, wozu im Alltag mindestens primitive Symbolik, im Wissenschaftlichen auch noch Theorie erforderlich ist.

==> Irgendwie brauche ich keine Symbole, um meine Frau zu erkennen, aber ich brauche welche, um mitteilen zu könne, dass ich sie erkannt habe. Und wenn im materiellen Gewusel meines Gehirns nach einem Schlaganfall gewisse Veränderungen eintreten, kann ich sie vielleicht nicht mehr erkennen (Prosopagnosie).

135: Die menschlichen sinnlichen Wahrnehmungen könnten sogar kulturell präformiert sein (Inuit nehmen Schnee anders wahr als Südseeinsulaner).

==> Dass Inuit Schnee besonders differenziert wahrnehmen, lässt sich auch zwanglos realistisch als Adaption durch Lernen interpretieren.

136: Bewusstseinsfähige Lebewesen agieren erkennend stets vermittels der symbolischen Formen und ihrer natürlichen Vorformen, die sich im Instinktverhalten anzeigen.

==> Vorformen der Symbolik bei Tieren auszumachen und daraus das Unerkennbarkeitspostulat ableiten zu wollen, erscheint kühn. Ob ein Affe einen Ast vermittels einer Vorform von Symbolik erkennt, ist fraglich.

137: Die symbolischen Formen nebst ihrer Vorläufer sowie die Materie organisieren die Welt.

==> Ich bevorzuge es zu sagen, dass die symbolischen Formen das Weltbild und die Materie die Welt organisieren.

138: Was in der Welt "statthat", ist die Wirklichkeit.

==> Wenn man "statthaben" im Sinne von "geschehen" auffasst, spricht der voraus gestellte Nebensatz von Ereignissen in der Welt. Der Gesamtheit dieser Ereignisse wird im Hauptsatz der Begriff "Wirklichkeit" zugewiesen. Der hierbei unterstellte Ereignisbegriff wird aber nicht näher erläutert. Im Zusammenhang mit 107 scheinen Ereignisse, die noch nicht erklärbar sind, nicht zur Wirklichkeit zu gehören. In 138 lässt sich "Welt" nicht durch "Weltbild" ersetzen.

139: Wirklichkeit ist im Gegensatz zu Realität symbolisch organisiert.

==> Einleuchtender wäre es, zu sagen, dass Beschreibungen, Konzepte, Theorien etc. symbolisch organisiert sind.

140: Ein Affe kann einen Sturz vom Baumast aufgrund seines über Sinneserscheinungen vermittelten Instinktverhaltens vermeiden.

==> Die interessante Frage ist aber, ob es hierzu nicht doch der Lokalisation von Materie Bedarf, um den Sturz zu vermeiden.

141: Ein Baumast ist nur eine Erscheinung, real gibt [es] da nur die materiale Grundlage dessen, was das entsprechende Teilchen-, Wellen- und Molekülgewusel repräsentiert.

==> Die reale materiale Grundlage dessen, was das entsprechende Teilchen-, Wellen- und Molekülgewusel repräsentiert, kann jedoch mit dem Baumast korrespondieren. Dies ist nicht zwingend widerlegt.

142: Eine Erscheinung ist nichts Gespenstisches, sondern ein handfester Weltgegenstand.

==> Wenn Weltgegenstände und Weltkonzepte identisch sind (103), ist unklar, was es bedeuten soll, dass ein Weltgegenstand handfest ist. Eine Erscheinung ist etwas, das sinnlich erscheint. Die Verursachung einer Erscheinung ist unbekannt (200), das Ergebnis dieser Affektion ist eine Modifikation des Subjekts und hat somit einen mentalen Charakter.

143: Das Bewußtseinsdatum darf nicht mit dem empirischen Zusammenhang in der Realität zu verwechselt werden.

==> Ein "empirischer Zusammenhang in der Realität" kann wegen 200-201 nicht erkannt werden. Mental gewonnene Zusammenhänge zwischen ebenfalls sich mental manifestiernden Sinneserscheinungen lassen sich ebenfalls als Bewusstseinsdaten auffassen.

144: Damit der Affe überleben und seine Erbinformationen im Prozess der Evolution weiterzugeben kann, reicht es, dass er sich nach dem empirischen Zusammenhang in der Realität richtet.

==> Der Affe kann wegen wegen 200-201 keinen "empirischen Zusammenhang in der Realität" erkennen und sich daher auch nicht danach richten.

145: Und Ende Gelände!

==> Diese Bemerkung steht für den Basta-Stil des Autors. :-)