Kantianismus - Kernaussagen

Feodor am Mi., 11.01.2017 - 13:13

Es folgen die die Auflistung der extrahierten Thesen:

Wirklichkeit, Welt und Wissenschaft

100: Wirklichkeit ist verschieden von Realität.

101: Wirklichkeit lässt sich durch Sachverhalte beschreiben.

102: Wirklichkeitsbeschreibende Sachverhalte sind durch wissenschaftliche Konzepte, Modelle, Vorstellungen und Theorien (kurz: durch die Wissenschaft) gegeben.

103: Objekte physikalischer Theorien sind Weltgegenstände bzw. Weltkonzepte.

104: Wissenschaftliche Sachverhalte werden niemals durch Subjekte generiert.

105: Wissenschaft kommt durch zweckgerichtetes Handeln im Rahmen diskursiver Prozesse zustande.

106: Wirklichkeit inkludiert sowohl subjektive Eindrücke als auch wissenschaftliche Sachverhalte.

107: Wirklichkeit ist das, was unter Heranziehen unserer Modelle erklärbar ist.

108: Wirklichkeit wird durch wissenschaftliche Modelle verbürgt.

109: Ein Phänomen (d.h. die subjektive Wahrnehmung, der "Wie-es-ist-Zustand" Nagels) ist das Ergebnis einer Affektion durch die Realität.

110: Die Wissenschaft legt nahe, dass affizierte Phänomene bei Menschen und Tieren verschieden sind, da die Affektionen je verschieden verarbeitet werden.

111: Die Unterschiedlichkeit der von Menschen und Tieren erfahrenen Phänomene zeigt, dass auf die Realität nicht direkt zugegriffen werden kann.

112: Menschen greifen nur auf das Beobachtete zu und nicht auf die Realität.

113: Empirik erfordert sinnliche Affektion [durch die Realität].

114: Der Affektion kommt eine zentrale Rolle im Erkenntnisspiel zu.

115: Die Affektion ist das Bindeglied zwischen Realität und dem rezipierenden Subjekt.

116: Aufgrund der vermittelnden Rolle der Affektion können die Sinneserscheinungen nicht so sein, wie die Realität an sich ist.

117: Das Problem der Affektion als Transformationsprozess entsteht erst, wenn Menschen zu theoretisieren beginnen.

118: Begriffe und Theorien erfassen immer nur Partikel des unendlich großen Ganzen.

119: Begriffe und Theorien erfordern den Einsatz von Symbolen, um die notwendigen Differenzierungen darstellen zu können, ohne dass ersichtlich wäre, welchen realen, also empirischen, Hintergrund diese Differenzierungen haben könnten.

120: Erst die Symbolik eröffnet den notwendigen Differenzierungsspielraum für die Welt.

121: Spezifische Rezeptionsbedingungen bewusstseinsfähiger Lebewesen hinsichtlich bestimmter Umweltgegenstände bewirken [Sinnes]Erscheinungen.

122: Zusammen mit weiteren Konstituenten formen diese Erscheinungen die Wirklichkeit.

123: Dafür, dass "etwas erscheinen kann", ist Bewusstsein notwendig.

124: Die Affektion von Erscheinungen in bewusstseinsfähigen Lebewesen entsteht zusammen mit diesen Lebewesen.

125: Gegenstände im Sinne von empirischer Existenz gibt es nur in der Wirklichkeit, nicht jedoch in der Realität.

126: Menschen und bewusstseinsfähige Tiere konstituieren auf der Grundlage von [Sinnes]Erscheinungen Objekte bzw. Gegenstände, indem sie bestimmte Zusammenhänge aus dem komplexen Brei der Realität separieren.

127: Diese Zusammenhänge wirken auf diese Lebewesen, bilden ihre Umwelt, stellen damit Affektoren dar und gewinnen so für diese Lebewesen Bedeutung.

128: Diese Bedeutung äußert sich sowohl bei bewusstseinsfähigen Tieren als auch bei Menschen in instinktivem Verhalten und bei Menschen darüber hinaus in Handlungen, also zielgerichteten Weltinterventionen.

129: Das Verhalten bei Tieren und Menschen impliziert Freiheitsgrade und ist nicht physikalisch-biochemisch determiniert.

130: Menschen erkennen die Welt als Sinnzusammenhang zwischen den konstituieren Gegenständen der Wahrnehmung.

131: Menschen analysieren nicht "Dinge an sich", sondern "Dinge, wie sie sie auffassen", letztere somit als Weltgegenstände, die sowohl durch Sinnlichkeit konstituiert als auch sprachlich-symbolisch geformt sein können.

132: Wenn eine Apparatur etwas detektiert, analysiert und auswertet, wird niemals die Realität ausgewertet, sondern immer ein "Objekt der Wirklichkeit", das als Weltgegenstand aufgefasst werden muss. Dieser Weltgegenstand ist stets schon symbolisch vermittelt, sei es durch Wissenschaft oder durch den Alltagsverstand.

133: Wissenschaftliche Unternehmungen können nicht direkt auf die Realität zugreifen, da wissenschaftliches Arbeiten ohne Verwenden von Sprache und Symbolen unmöglich ist.

134: Etwas erkennen heißt für Menschen sagen zu können, wie oder was es ist, wozu im Alltag mindestens primitive Symbolik, im Wissenschaftlichen auch noch Theorie erforderlich ist.

135: Die menschlichen sinnlichen Wahrnehmungen könnten sogar kulturell präformiert sein.

136: Bewusstseinsfähige Lebewesen agieren erkennend stets vermittels der symbolischen Formen und ihrer natürlichen Vorformen, die sich im Instinktverhalten anzeigen.

137: Die symbolischen Formen nebst ihrer Vorläufer sowie die Materie organisieren die Welt.

138: Was in der Welt "statthat", ist die Wirklichkeit.

139: Wirklichkeit ist im Gegensatz zu Realität symbolisch organisiert.

140: Ein Affe kann einen Sturz vom Baumast aufgrund seines über Sinneserscheinungen vermittelten Instinktverhaltens vermeiden.

141: Ein Baumast ist nur eine Erscheinung, real gibt da nur die materiale Grundlage dessen, was das entsprechende Teilchen-, Wellen- und Molekülgewusel repräsentiert.

142: Eine Erscheinung ist nichts Gespenstisches, sondern ein handfester Weltgegenstand.

143: Das Bewußtseinsdatum darf nicht mit dem empirischen Zusammenhang in der Realität zu verwechselt werden.

144: Damit der Affe überleben und seine Erbinformationen im Prozess der Evolution weiterzugeben kann, reicht es, dass er sich nach dem empirischen Zusammenhang in der Realität richtet.

145: Und Ende Gelände!

Realität und Natur

200: Wir haben keine Ahnung, was "real vorgeht".

201: Die Realität flüstert uns gar nichts.

202: Die Realität ist einfach wie sie ist.

203: "In der Natur" ist alles Affektion. (Erläuterung: Physikalische Entitäten stehen im energetischen Austausch miteinander. Dies ist sich freilich selbst genug.)

204: In der Realität ist ein unendlich komplexes Gewusel in Form von Affektionen der Fall.

205: Eine vernunftgeleitete Analyse dieses Realitätsgewusels ist unmöglich, da kein Standpunkt verfügbar ist, von dem aus dieses Gewusel überblickt werden kann.

206: Realität ist nichts weiter als ein hyperkomplexes Wabern der Materie.

207: In einem modernisierten Kantianismus entspricht dieses materielle Wabern dem kantischen Ding an sich.

208: Realität lässt sich metaphorisch vorstellen als hochkomplexes ineinander verschränktes Gewusel von Elementarteilchen, Wellen oder was auch immer.

209: Hätten Menschen Zugriff auf die Realität, gäbe es keinen Sinn, da wegen der fehlenden Symbolik keine Differenzierung stattfände.

210: Das meiste, was Realität ausmachen könnte, "kommt uns überhaupt nicht vor die Linse".

211: Die mentalen Funktionen des Menschen müssten kollabieren, wenn alles verarbeitet werden müsste, was im Falle eines Realitätszugriffes "von außen" an signalträchtigen Affektionen auf uns einströmte.

212: Es gibt keinen unmittelbaren Zugriff aufs Reale.