Kant verstehen

Mo, 01/02/2017 - 20:35 - Feodor

Die Kritik am Kant-Artikel über das Außenwelt-Problem bestand nicht ausschließlich in persönlichen Beschimpfungen, sondern es gab auch inhaltliche Einwände:

Wenn du nämlich schon auf das, was bei dir "Außenwelt" heißt, reflektieren möchtest (was ja absolut legitim ist), so sei doch mal so gut und lasse dir dazu Kants (übrigens gerade anti-skeptische) Grundintention auf der Zunge zergehen: Es ist nämlich wirklich nicht so wahnsinnig schwer zu verstehen, warum Kant das, was darunter figuriert, als nicht erkennbar - aber gleichwohl als existent - klassifiziert hat!

Hier wird ein angebliches Verständnisproblem postuliert. Nachdem es aber noch nicht einmal eine generell anerkannte Widerlegung des Solipsismus gibt, ist klar, dass es problemlos möglich ist, die subjektunabhängige Realität als existent und unerkennbar zu postulieren. Die Frage besteht also nicht darin, ob das möglich ist, sondern darin, ob das ein plausibles Konzept ist.

Ich zitiere dazu einen kleinen Ausschnitt aus dem Eisler-Lexikon (siehe ganz unten) ...

http://www.textlog.de/32771.html

... "Das Universum als Sinnengegenstand ist ein System von Kräften einer Materie, die einander äußerlich objektiv im Raume durch Bewegung, und innerlich subjektiv durch Empfindung der Substanzen mit Bewußtsein, d. i. als Gegenstände der Wahrnehmung, affizieren"; und wer in der Lage ist, verstehend lesen zu können, erkennt dabei, daß Kant ganz richtig gesehen hat, daß eine Erkenntnis - wessen auch immer - ohne Bewußtsein nicht zu haben ist, daß aber Bw gleichwohl nicht hinreichte, die Erkenntnis zu konstituieren, weil sie haltlos, also nichtig wäre. Kant postuliert deshalb die Materie; und er sagt weiters, die Materie "affiziere" (über Kräfte) in einem physikalischen Sinn, während über die Empfindung (bw-fähiger Lebewesen) im mentalen Sinn affiziert werde.

Es entsteht nun die interessante Frage: Sagt das angeführte Kant-Zitat überhaupt etwas über die Beziehung zwischen der realen Außenwelt des Dings an sich und der Sinneserscheinungen aus? Dem möchte ich im Folgenden nachgehen.

Zunächst ist das Kant-Zitat schwer einzuordnen. Eisler gibt folgende Quellen an: "Altpreuß. Mth. XIX 594; vgl. XXI 327 f., N 4085, 4324 ff., 5940 ff.; Vorles. über Metaphys. S. 81 ff."

Das ist sehr unübersichtlich:

  • Altpreuß. Mth: Opus postumum in Bd. XIX—XXI der Altpreußischen Monatshefte
  • N: handschriftlicher Nachlass?
  • Vorles. über Metaphys.:
    • Kants Vorlesungen über die Metaphysik, hrsg. von Pölitz, 1821 oder
    • Vorlesungen über Metaphysik aus 3 Semestern, hrsg. von M. Heinze, K. Sachs. Ges. d. Wissenschaft, 14. Bd., 1894.

Zur Problematik der Vorlesungen siehe Gerhard Lehmann [1]. Diese Texte werden von einigen Autoren nicht anerkannt. Das Zitat stammt jedenfalls nicht aus einem der einschlägigen Hauptwerke (KrV-A/B, Prolegomena oder MAN) Kants.

In beiden Auflagen der KrV steht jedoch: "Der Verstand begränzt demnach die Sinnlichkeit, ohne darum sein eigenes Feld zu erweitern, und indem er jene warnt, daß sie sich nicht anmaße, auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf Erscheinungen, so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber nur als transscendentales Object, das die Ursache der Erscheinung (mithin selbst nicht Erscheinung) ist und weder als Größe, noch als Realität, noch als Substanz etc. gedacht werden kann (weil diese Begriffe immer sinnliche Formen erfordern, in denen sie einen Gegenstand bestimmen), wovon also völlig unbekannt ist, ob es in uns oder auch außer uns anzutreffen sei, ob es mit der Sinnlichkeit zugleich aufgehoben werden oder, wenn wir jene wegnehmen, noch übrig bleiben würde." [2,3]

Das zeigt schön, wie verwirrend die kantschen Texte sind. Nicht selten wird dann aber einfach behauptet, das sei doch alles klar, ohne jedoch den "klaren Sachverhalt" gleich in verständlicher Sprache mit anzugeben.

Analysieren wir nun den Satz: "Das Universum als Sinnengegenstand ist ein System von Kräften einer Materie, die einander äußerlich objektiv im Raume durch Bewegung, und innerlich subjektiv durch Empfindung der Substanzen mit Bewußtsein, d.i. als Gegenstände der Wahrnehmung, affizieren." Ist dieser Satz verständlich? Sagt er etwas über die Ursache der Sinneserscheinungen aus? Dazu schauen wir uns einige Begriffe an.

Im Zusammenhang mit der obigen Passage aus KrV-AB erweist sich, dass das "Universum als Sinnengegenstand" nicht die "Ursache der Erscheinung" sein kann, denn diese Ursache kann "selbst nicht Erscheinung" (Sinnengegenstand) sein.

Zum Begriff Materie bei Kant schreibt Eisler: "Die Materie ist die Substanz im Raume, die beharrende Einheit, auf die das Denken den Inhalt der äußeren Wahrnehmung bezieht. Die Materie ist kein Ding an sich, sondern gehört zur Erscheinung desselben; materiell sind die Dinge nur in bezug auf mögliche äußere Erfahrung, als Gegenstände derselben."

Auch die Materie kann daher nicht "Ursache der Erscheinung" sein, denn sie "gehört zur Erscheinung". Des weiteren ist es verwirrend, dass etwas "äußerlich objektiv im Raume" sein kann, denn Raum wird von Kant als eine apriorisch-subjektive Anschauungsform aufgefasst.

Dazu Eisler: "Der Raum ist kein aus der Erfahrung abstrahierter Begriff, sondern eine 'reine Anschauung' bezw. die Form des äußeren Sinnes, als solche apriorisch-subjektiv, d.h. aus der Gesetzlichkeit des anschauenden Bewußtseins selbst entspringend und eine Bedingung der Erfahrung. [...] Der Raum ist objektiv in dem Sinne, daß er den Dingen selbst zugeschrieben werden muß, aber nicht den Dingen an sich, sondern den Dingen, sofern sie uns sinnlich erscheinen, also in deren Beziehung zu einer möglichen Wahrnehmung."

Besser verständlich wäre es, wenn der Begriff "objektiv" durch "intersubjektiv" ersetzt würde, denn die obigen "Dinge selbst" (nicht Dinge an sich) im kantischen Sinn müssten eigentlich als intersubjektive Sinneserscheinungen aufgefasst werden. Aber Kant bevorzugt nun mal ein anderes Vokabular, das durchaus in die Irre führen kann.

Eisler: "'Objektiv' bedeutet: a) den Dingen an sich zukommend; b) (kritisch-idealistisch): für alle (menschlichen) Subjekte gleicherweise gültig und zugleich für die Objekte als Gegenstände möglicher Erfahrung (Erscheinungen) gültig, obzwar den Dingen an sich nicht zukommend und, als notwendig auf das (reine) erkennende Bewußtsein bezogen, 'subjektiv'. Objektiv ist, was notwendig (in einem 'Bewußtsein überhaupt') verknüpft ist, was gemäß der Gesetzlichkeit des erkennenden Bewußtseins an der Hand des Erfahrungsmaterials notwendig und allgemeingültig gesetzt wird."

Jedenfalls bedeutet dies alles, dass etwas, das "äußerlich objektiv im Raume" ist, nicht Ursache der Sinneserscheinung sein kann, denn diese Ursache ist das "Ding an sich selbst".

Zur Kraft schreibt Eisler: "Die Kraft ist eine 'Prädikabilie' zur Kategorie der Kausalität, ein abgeleitet apriorischer Begriff. Dieser Begriff ist eine Bedingung der Erfahrung und bezieht sich auf Gegenstände möglicher Erfahrung, auf Erscheinungen, auf Relationen zwischen diesen, nicht aber auf Eigenschaften der Dinge an sich (wie auch Kant zuerst annahm)."

Auch die Kraft scheidet daher begrifflich als Ursache der Sinneserscheinungen aus. Es bleibt nun noch dieser Satzteil zu analysieren: "ein System von Kräften einer Materie, die einander [...] innerlich subjektiv durch Empfindung der Substanzen mit Bewußtsein, d.i. als Gegenstände der Wahrnehmung, affizieren."

"Gegenstände der Wahrnehmung" soll wohl nur die Wendung "Empfindung der Substanzen mit Bewußtsein" näher erläutern. Das Relativpronomen "die" kann sich aus grammatikalischen Gründen nicht auf "System" oder "Materie" beziehen, sondern nur auf die Kräfte. Wir kürzen daher weiter: "Kräfte [...], die einander [...] innerlich subjektiv durch Empfindung der Substanzen mit Bewußtsein [...] affizieren." Darin steckt: "Kräfte[...], die einander [...] innerlich subjektiv [...] affizieren."

Eisler über die Bedeutung von "affizieren" bei Kant: "Kant gebraucht für das Verhältnis des 'Ding an sich' zum wahrnehmenden Subjekt den Ausdruck 'affizieren'. Hierbei wird das Ding an sich als Grund unserer Empfindungen gedacht, ohne daß aber die Kategorie der Kausalität hier einer Bestimmung, Erkenntnis des Ding an sich dient. Das Verhältnis desselben zum Subjekt wird nur nach Analogie einer Verursachung gedacht."

Worauf es hier ankommt ist, dass der Ausdruck "affizieren" durchaus auf das "Ding an sich" hinweist. Im Ausdruck "Kräfte affizieren einander innerlich subjektiv" ist aber nirgends erkennbar vom "Ding an sich" die Rede, denn "Kräfte" müssen sich auf Erscheinungen beziehen. Was es bedeuten soll, dass Kräfte einander verursachen, bleibt völlig rätselhaft.

Es sei festgehalten, dass in dem Satz nicht recht erkennbar von der äußeren Realität die Rede ist, die ich mit dem alltagssprachlichen Begriff der Außenwelt bezeichnet habe. Einzige "Spur" in diese Richtung ist die Vokabel "affizieren". Wie bereits der Begriff "Sinnengegenstand" zeigt, handelt der Satz aber offenbar nur von Phänomenen bzw. Sinneserscheinungen.

Was das Subjekt angeht, wird oben überhaupt nicht gezeigt, wer eigentlich ein Konzept wie Erkenntnis ohne Bewusstsein vertreten soll. Das scheint ein Strohmann zu sein.

Wie also kommt nach Kant ein (welt-)erkennendes Wesen zum Begriff einer Welt? - Durch beides: Durch die objektiven [sic] Wirkbedingungen der Materie und das, was die reflektierte Form des Bw zusammen mit ersterem in unauflöslicher Tateinheit bewirken.

Die "Wirkbedingungen der Materie" gehören kantisch ins Reich der Phänomene (Sinneserscheinungen). Die (schematisierte) Kategorie der Kausalität darf nur auf Erscheinungen angewendet werden. In der Außenwelt bzw. der subjektunabhängigen äußeren Realität kommen kantisch weder Wirkbedingungen noch Materie vor, sondern nur das unerkennbare "Ding an sich". Objektivität kann nach Kant nur durch transzendentale synthetische Urteile a priori erreicht werden.

Kant hat einfach klar gesehen, daß es voraussetzungslose Wissenschaft nicht geben kann, weil dann alles beliebig wird.

Dass es Voraussetzungen für Wissenschaft gibt, ist nicht der Streit, lediglich die Art dieser Voraussetzungen ist umstritten.

Für Kant ist die Sinnlichkeit der Modus, "von etwas innerlich bewegt/affiziert zu werden", neudeutsch gesprochen: etwas davon "mitzukriegen". Aber dieses "Mitkriegen" - das ja auch bw-fähigen Tieren zueigen ist -- reicht nicht hin, um Wissenschaft zu treiben (ansonsten würden ja diese Tiere auch Wissenschaft betreiben).

Weder die Funktion des Bewusstseins noch der Reflexionsfähigkeit wird überhaupt bestritten. Bei Kant bleibt allerdings das Konzept der Affektion von Empfindungen durch "Dinge an sich" dunkel und enigmatisch.1

Aus heutiger Sicht kann man Kant [...] vorwerfen, daß er den /mundus intelligibilis/ so scharf von der materiellen Realität abgetrennt hat. Ich sage das trotz der Zeitverhaftetheit des Kantschen Denkens (und der damit implizierten zu gewährenden Gnade später Lebender, wie sie von denen m.A.n. allen historischen Denksystemen gespendet werden sollte), weil Kant m.E. zu wenig auf den Umstand reflektiert hat, daß ja der Mensch selbst - als körperliches Wesen - ein Teil jenes mat. Konglomerates ist, das bei ihm /Ding an sich selbst betrachtet/ genannt wird. [....] Mir persönlich leuchtet jedenfalls der scharfe Hiat nicht ein, den Kant hier ins System "einpflegte"

Hier entsteht ein Widerspruch, denn meiner Kritik dieser vermeintlich unüberwindlichen Kluft (der "scharfe Hiat") zwischen Subjekt und Realität, die ich sprachlich durch die Matrix-Metapher ausdrückte, wird ja in grober verbaler Form widersprochen.

Denn wie eben versucht wurde zu demonstrieren, ist das Postulat einer Außenwelt, also einer Welt (!) unabhängig von jedem nur denkbaren mentalen, intersubjektiv wirksamen Rezeptionsmechanismus ein gänzlich unsinniges, weil eine Welt ohne (kurz gesagt) "inneren Zusammenhang", den nichtmaterielle Tatbestände mitkonstituieren, die zudem außer der Totalitätsunterstellung auch nicht /per se/ gewiß sein können und somit diskussionswürdig und tlw. auch /proof/-bedürftig sind, nicht existieren könnte. Anders ausgedrückt: Es gehört zum Begriff - und auch zum Konzept - von 'Welt', daß das, was darin der Fall ist, festgestellt wird. Wo niemand und nichts eine Tatsache feststellt - bzw. wenigstens weltgenerierende Wahrnehmungen und Beobachtungen macht - ist schlicht keine Welt;

Hier wird der Vokabel Welt eine bestimmte (subjektive) Bedeutung unterlegt, was man ja machen kann, aber gleichzeitig behauptet, dass nur diese Bedeutung zulässig sei. Das ist unhaltbarer etymologischer Essenzialismus. Begriffsdefinitionen sind vielmehr frei verhandelbar. Ich verwendete die Vokabel Außenwelt im Sinne von subjektunabhängiger Realität. Subjektabhängigkeit drücke ich durch Vokabeln wie Weltbild oder Weltwahrnehmung aus.

Mir ist niemand bekannt, der ein Weltbild "unabhängig von jedem nur denkbaren mentalen, intersubjektiv wirksamen Rezeptionsmechanismus" postuliert. Die Welt wird aber wohl immer noch da sein, wenn Homo sapiens schon längst ausgestorben ist.

Die terminologischen Pendants wären dann: Was die Welt (oder auch: eine unter möglichen Welten) ausmacht, hat den Rang von Wirklichkeit, es ist erfahrbar bzw. erkennbar und damit /ergo/ wirklich. Was unabhängig von dieser Wirklichkeit existiert, ist dagegen real. Die Realität ist nach diesem Konzept folglich das erfahrungs- und erkenntnisunabhängige So-Sein der Dinge. Es ist vollkommen witzlos, über sie Theorien zu bilden, denn wenn ihr (und ihnen: den Dingen an sich selbst betrachtet) nämlich tatsächlich ein Sein zukommt, so kann es ja in den Formen seiner Existenz unmöglich wahr oder unwahr, richtig oder falsch sein -- es ist dann einfach wie es ist ... und Ende Gelände! Dem Wahrheits- und Richtigkeitskriterium unterliegen vielmehr unsere Tatsachenbehauptungen,

Wahrheit/Falschheit/Adäquatheit kommt nur Aussagen über die Realität zu und nicht der Realität. Das ist Standard. Ansonsten werden die Begriffe Wirklichkeit und Realität auch in der Fachliteratur nicht immer unterschieden. Das ist reine Definitionssache.

In meinem Text war im Übrigen nirgends die Rede von Wahrheit/Falschheit/Adäquatheit der Realität. Der Einfluss der Realität kann aber dazu führen, dass eine Aussage als mehr oder weniger adäquat betrachtet werden kann. Theorien, die der Verstand der Natur vorzuschreiben versucht, können im Labor scheitern.

also das, was die Welt konstituiert, zusammen mit den realen Dingen.

Die kantsche Konstitutionstheorie ist nicht notwendig. Siehe [6].

Daraus folgt dann, daß eine Tatsachenbehauptung nie auf ein /Ding an sich selbst betrachtet/ rekurriert, also niemals auf die Realität geht, sondern auf Wahrnehmungs-, Beobachtungs- und Erkenntnisgegenstände, gemeinhin Erscheinungen genannt, also auf das, was sinnlich und/oder intellektuell verarbeitet von der Realität her (oder von reinen Zeichensystemen kommend) auf uns einwirkt, oder wie Kant es nannte: was uns von daher kommend affiziert.

Damit referieren Tatsachenbehauptungen immer nur auf Sinnesdaten, was man als Phänomenalismus bezeichnet. Bei Kant ist der Phänomenalismus noch über eine Affektion durch die Realität angereichert, von der aber sonst überhaupt nichts bekannt ist. Er nennt das "empirische Realität". Das "transzendentale Objekt", also die Ursache, ist aber ideal. Da über das "transzendentale Objekt" nichts bekannt ist, kann es auch die "Matrix" sein.

Woher jetzt ein Problem mit Kant, ich meine diesbezüglich, kommen könnte, erschließt sich mir also nicht ein bißchen! Kant hat hier sehr sauber und vor allem konsistent argumentiert!

Die heutige Wissenschaft ist voller Noumena, etwa: Teilchen A wechselwirkt mit Teilchen B. Diese Teilchen sind keine kantschen Erscheinungen und können daher nicht "Gegenstände der Erkenntnis" sein. Dem kantschen Phänomenalismus wird heute de facto nicht gefolgt. Er ist nicht recht kompatibel mit moderner Wissenschaft und taugt daher nicht mehr als erklärende Metatheorie. Hierbei spielen auch die nicht mehr zeitgemäßen kantschen Urteile bzw. Erkenntnisse a priori eine Rolle. Zur Konsistenz des kantschen Wirklichkeitsverständnisses siehe z.B. [5].

Nach ihm leben wir in der "Matrix", aus der uns keine "rote Pille" befreien kann.

Nein. Eben nicht. Immer, wenn du etwas nicht verstehst oder ein Argument gegen deinen Glauben angeführt wird, das du anders nicht zu widerlegen vermagst, kommt die Matrix-Keule.

Hier haben wir einen Widerspruch. Denn zunächst wird der "scharfe Hiat[...], den Kant hier ins System 'einpflegte'" anerkannt, danach aber die Matrix-Metapher vehement kritisiert. Das lässt sich eigentlich nur so verstehen, dass es unangemessen sein soll, Kritik an Kant verständlich zu formulieren. Der Meinung bin ich aber nicht.

Kant hat nichts mit Matrix-Spinnereien gemein: Er behauptet, daß die Realität auf den Sinnesapperat einwirkt.

Kant in den Prolegomena: "Dinge, die, obzwar nach dem, was sie an sich selbst sein mögen, uns gänzlich unbekannt, wir durch die Vorstellungen kennen, welche ihr Einfluß auf unsre Sinnlichkeit uns verschafft."

Wir kennen nur die Vorstellungen, die Dinge hinter den Vorstellungen bleiben uns "gänzlich unbekannt". Also kann auch die "Matrix" Ursache unserer Vorstellungen sein.

Die Einwirkung der Realität auf den Sinnesapparat darf nach Kant auch nur "gedacht" und nicht "erkannt" werden, denn die schematisierte Kategorie der Kausalität bleibt bei ihm auf Sinneserscheinungen begrenzt.

Würdest du, anstatt dich bloß [...] von Tertiärtext zu Tertiärtext über Kant gehangelt zu haben, selbst mit ihm auseinandersetzen, wüßtest du, daß die Affektion durch die realen Dinge die Erscheinungen nicht zu etwas Beliebigem machen, sondern natürlich Lebensweltadäquaten, also an die je spezifischen Bedingungen des Überlebens in der Welt.

Ein Überleben ist ja auch in der "Matrix" möglich. :-) Die Affektion durch die Realität (Außenwelt) bleibt bei Kant völlig enigmatisch. Dass Sinneserscheinungen nach Kant nicht beliebig sind, liegt nicht an der Ursache der Affektion, denn über diese Ursache ist nichts bekannt. "Nichts bekannt" bedeutet, dass sie beliebig ist, denn bei Annahme einer nicht beliebigen Ursache wäre ja etwas über sie bekannt, nämlich dass sie nicht beliebig ist.

Die kantsche Theorie ist vorevolutionär. Es beschäftigt sich mit den idealen bzw. formalen "Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis" und nicht mit den Bedingungen des Überlebens in der (realen) Welt. Er fragt "Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?" [4]

Wo steht denn bei Kant, daß das nicht der Fall wäre? - Die Erscheinung des nächsten anzusteuernden Astes eines Baumes ist doch nichts, was beliebig "im Geist" konstruiert würde! Derlei Unfug hat Kant niemals behauptet!

Raum ist bei Kant die Form des äußeren Sinnes, als solche apriorisch-subjektiv. Raum wird den Sinneserscheinungen zugeschrieben, nicht der äußeren Realität. Der Raum als reine Anschauungsform entsteht also erst mit den Lebewesen. Das ist alles sehr seltsam. Weder Kosmologen noch Biologen kümmern sich jedoch um dieses kantsche Konzept. Eine Metatheorie der Wissenschaft muss aber auch heutige Wissenschaft erklären können.

Außerdem hätte man nicht entdecken dürfen, dass der Raum schwingt (Gravitationswellen) oder dass bewegte Uhren unterschiedlich schnell gehen (spez. Relativität).

Es ist allerdings vollkommen närrisch zu glauben, es gebe in der Realität Bäume oder Äste! Die gibt's da nicht,

Das bedeutet, dass Aussagen über Bäume und Äste nur auf Sinnesdaten referieren und Sinnesdaten nicht über die Realität informieren können. Dem wird nicht mehrheitlich gefolgt.

sowenig wie Affen oder kutschaische Egel! Bäume, Äste und Affen sowie auch Egel sind Weltgegenstände; und da Welten, in denen entsprechende Erscheinungen mit objektiv existierendem materiellen Substrat miteinander interagieren, offenbar wunderbar

"Weltgegenstände" sind Sinnesdaten, die auf völlig unbekannte Art im Bewusstsein affiziert werden. Materie gehört nach Kant auch in den Bereich der Sinneserscheinungen. Diese Sinneserscheinungen interagieren nun auch noch miteinander. Warum soll es plausibler sein, dass Sinnesdaten miteinander wechselwirken als (an sich) existierende Dinge? Dass Sinnesdaten (auf unbekannte weise) "affiziert" werden, spielt hierbei keine Rolle.

funktionieren, kann doch kein Zweifel daran sein, daß die dafür voraussetzungserfüllenden kantschen Affektionen mehr sind als bloße Zufallsevents!

Über die Affektionen ist nach Kant jedoch überhaupt nichts bekannt, auch nicht dass sie stochastisch sind. Zwischen Realität und Subjekt gibt es bei Kant schließlich keinerlei Informationskanäle.

Nur, damit der Punkt nochmal ganz klar wird, wo ich Kant selbst kritisch gegenüberstehe: Es ist doch so, daß der von Ast zu Ast schwingende Affe selbst auch aus diesem "Material" ist, aus dem auch die Äste sind. Wenn Kant also von Affektion spricht - vgl. dazu auch das von mir gegebene Eisler-Zitat -

Dieses Eisler-Zitat ist weitgehend unverständlich.

so interagiert da doch auf der basalen Ebene Gleiches mit Gleichem.

Anscheinend interagieren aber nur Sinnesdaten mit Sinnesdaten. Das mindeste, was man sagen kann, ist, dass sich Kant unverständlich ausdrückt.

Kant sagt zurecht: Was diese Materie im Kern ausmacht, wissen wir nicht,

Das Richtige daran ist, dass wir nur die Eigenschaften von Materie näherungsweise in Aussageform charakterisieren können. Eigenschaftslose Substanz ist uns tatsächlich nicht bekannt.

wir können vom Prinzip her aber sehr wohl wissen, wie die Dinge auf der Erscheinungsebene - also z.B. angereichert mit dem Wissen um die Kategorien und die Naturgesetze usw. --, also im Rahmen der jeweiligen Lebenswelt, ablaufen.

Wissenschaftliche Aussagen (wie z.B. die starke Wechselwirkung hält den Atomkern zusammen) referieren aber nicht auf Erscheinungen (Sinnesdaten). Wissenschaftlich reicht es aber aus, von einer Theorie auf beobachtbare Sachverhalte schließen zu können.

Ich stimme dem zu, würde aber weniger konservativ als Kant hinsichtlich des Eigenschaftenrepertoires der /Dinge an sich selbst betrachtet/ agieren, weil mir scheint, man müsse sich nicht darauf beschränken, sie als existent und affizierend zu charakterisieren. Ich will damit sagen: Der Totalitätsaspekt (vgl. oben anbei des /intelligibilis mundus/) kann - jedenfalls möchte ich das so sehen - durchaus auch schon dem basalen Materie-Konglomerat zugeschrieben werden. Mir kommt es so vor, als hätte Kant in diesem Punkt sogar ein bißchen schlampig gearbeitet: Denn wenn es so ist, daß das /Ding an sich/ zu affizieren vermag und die Welt außerdem auch noch funktioniert, kann es ja eigentlich gar nicht sein, daß der Zusammenhalt "nur" einer "Idee" geschuldet ist. Irgendetwas daran müßte schon realitätsverbürgt sein ...

Das sind die sehr seltenen Momente der Übereinstimmung.

Literatur

[1] Gerhard Lehmann: "Beiträge zur Geschichte und Interpretation der Philosophie Kants", De Gruyter; Auflage: Reprint 2015 (März 1969).

[2] Kant, AA III : Kritik der reinen Vernunft, 2te Auflage 1787, S.231. https://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/kant/aa03/231.html

[3] Kant, AA IV : Kritik der reinen Vernunft, 1781, S.185. https://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/kant/aa04/185.html

[4] Kant: Kritik der reinen Vernunft, 2te Auflage, Einleitung, 1787.

[5] Heinrich Scholz: "Einführung in die Kantische Philosophie", in Scholz: "Mathesis universalis", Schwabe, 1961, 152-218.

[6] Malte Hossenfelder: "Kants Konstitutionstheorie und die transzendentale Deduktion", de Gruyter, 1978.


  1. Dies zeigt sich u.a. an der Vielfalt der Interpretationen dieses Konzeptes in der Kant-Literatur, die von Adickes Theorie der "doppelten Affektion" bis zum neueren "Zwei-Aspekte-Modell" reicht. Nicholas F. Stang: "Who’s Afraid of Double Affection?", PDF, Claus Beisbart: "Kant, Kritik der reinen Vernunft, Ding an sich und Erscheinung", Vorlesung TU Dortmund, 2008, PDF ↩︎